Viele Menschen kennen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) und Autismus noch als separate Diagnosen – in Wirklichkeit gehören beide zu den früh beginnenden neuronalen Entwicklungsstörungen und können nicht nur gleichzeitig auftreten, sondern ähneln sich in vielen Bereichen stark. Das zeigt auch ein Fachartikel von Schöttle et al. in Nervenheilkunde (2019) über ADHS und hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen.
Was sind ADHS und Autismus?
ADHS zeigt sich typischerweise durch:
- Unaufmerksamkeit
- Impulsivität
- innere Unruhe / Hyperaktivität Diese Symptome beginnen in der Kindheit und können bis ins Erwachsenenalter fortbestehen.
Autismus-Spektrum-Störungen betreffen vor allem:
- sensorische Besonderheiten Auch diese Merkmale bestehen lebenslang, können aber besonders bei hochfunktionalen Formen erst spät erkannt werden.
- soziale Interaktion und Kommunikation
- repetitive Interessen
Komorbidität: Warum ADHS und Autismus oft zusammen auftreten
Der Artikel betont, dass ADHS und Autismus nicht nur gleichzeitig auftreten können, sondern häufig miteinander verwandt sind – sowohl genetisch als auch in der familiären Häufung. Das bedeutet:
- Wenn eine Person ADHS hat, ist die Wahrscheinlichkeit für autistische Merkmale erhöht.
- Umgekehrt zeigen viele Menschen mit Autismus auch ADHS-Symptome.
Diagnose ist komplex
Wichtig ist, dass eine genaue Diagnostik immer die gesamte Entwicklungsgeschichte berücksichtigt, inklusive Fremdinformation (z. B. aus der Kindheit), da sich Symptome in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich zeigen können. Im Artikel gibt es eine Übersichtstabelle, die zentrale Symptome von ADHS und Autismus gegenüberstellt. Sie hilft dabei, typische Merkmale zu unterscheiden und zu erkennen, wo Overlap („Überlappung“) und Unterschiede liegen.
Kurz zusammengefasst (die Tabelle gliedert sich in symptomatische Bereiche):
1. Aufmerksamkeit & Exekutive Funktionen
- ADHS: deutliche Probleme bei anhaltender Aufmerksamkeit, schnelles Abschweifen, schlechtere Arbeitsorganisation.
- Autismus: Aufmerksamkeit kann sehr stark auf Spezialinteressen gerichtet sein, aber sozial-kommunikative Aufgaben fallen oft schwerer.
2. Soziale Interaktion
- ADHS: soziale Schwierigkeiten meist durch Impulsivität oder Unaufmerksamkeit.
- Autismus: qualitative Unterschiede in nonverbaler Kommunikation, Verständnis sozialer Signale und gegenseitigem sozialen Austausch.
3. Wiederholende Verhaltensweisen / Routinen
- ADHS: weniger stereotyp, oft als Reaktion auf Ablenkung oder Impulsivität.
- Autismus: starke Routinen, Spezialinteressen oder sensorische Muster sind typisch und stabiler ausgeprägt.
4. Sensorische Verarbeitung
- Menschen im Autismus–Spektrum zeigen häufig Über- oder Unterempfindlichkeiten in der Wahrnehmung (z. B. Geräusche, Berührungen), was bei ADHS weniger typisch ist.
In der Diagnostik ist es wichtig, diese Differenzpunkte nebeneinander zu sehen und sowohl Überschneidungen als auch klare Hinweise auf die jeweils dominierenden Merkmale herauszuarbeiten.
Quelle:
Schöttle, D., Schimmelmann, B. G., & Tebartz van Elst, L. (2019). ADHS und hochfunktionale Autismus-Spektrum-Störungen: Komorbidität oder Differenzialdiagnose? Nervenheilkunde, 38, 632–644. DOI: 10.1055/a-0959-2034 (Thieme Connect).
